Altdorf lag vor 400 Jahren abgeschiedener als heute, die Stadt hatte nicht mehr zu bieten als ein paar gesittete Wirtshäuser. Gute Voraussetzungen also, um sich auf das Studium zu konzentrieren. In der Abgeschiedenheit am Moritzberg war das Studentenleben dennoch nicht nur von Lernen und Lehren, akademischem Eifer und wissenschaftlichem Streben geprägt. Das Universitätsmuseum, seinerzeit Sitz einer Universitätsdruckerei, erinnert mit einer umfangreichen Sammlung an die Hochschule und gibt auch Zeugnis von Disziplinlosigkeit. In bunten Farben schildern Zeitzeugen dabei das Studentenleben samt raufendem Trunkenbold und saufendem Tunichtgut. Eine Abbildung zeigt den Bettelstudenten: »Niemals Bargeld, immer zerrissene Hosen«. Im Gegensatz dazu: »Der Fleissige Student, der seine Zeit und Geld weiß nützlich anzuwenden«. »Das Merckwürdigste von der Löbl. Nürnbergische Universität-Stadt Altdorff 1723« beschreibt die Orte, die auch Albrecht von Waldstein während seines Studiums in Altdorf zu Gesicht bekommen hat: »Der ordentliche Studenten-Carcer, der Bärn-Kasten genannt, befindet sich unter eben diesem Dach-Stuhl, ganz zu Ende gegen die Abend-Seiten, ist aber ausser den zweyen noch ein Carcer, so man das Hunds-Loch heisset, neben des Speisemeisters Keller vorhanden, worein aber heut zu Tage nur die Famuli, wann sie etwas verbrochen, gesperret werden.«
Albrecht von Waldstein (»Wallenstein«) wurde im August 1599 als 15-Jähriger in die Altdorfer Matrikel eingetragen. Sogleich taucht sein Name in den Senatsprotokollen auf: Er sei eindeutig an Tumulten in Altdorf beteiligt. Auf Weisung des Nürnberger Rats werden die Randalierer gefasst und arretiert. Schon vierzehn Tage später in der Nacht vor dem Heiligen Abend spitzen sich die Unruhen zu. In einem Streit, in den auch Wallenstein verwickelt ist, wird der Fähnrich der Altdorfer Bürgerwehr erstochen. Der Rat beschließt ein energisches Durchgreifen. Der Mörder wird gesucht, drei weitere an der Tat Beteiligte arretiert. Von Waldstein aber erhält nur Stubenarrest. Ein Bittschreiben macht Eindruck beim Rate, Wallenstein wird wieder auf freien Fuß gesetzt. Trotz der Milde kommt der junge Adelige aber nicht zur Besinnung. »Er musste gleichsam unter einem Aggressions-Schub gestanden haben«, schreibt der Historiker Hans Recknagel. Den Kommilitonen Gotthard Livo verletzt er während einer Auseinandersetzung schwer, seine Famuli misshandelt er grausam. Trotz der Ermittlungsverfahren kommt Wallenstein immer mit einer Geldstrafe davon. Am 17. März des Jahres 1600 verlässt er Altdorf freiwillig Richtung Italien. Erhalten ist sein Eintrag ins Stammbuch des Nürnberger Patriziersohnes Johann Hieronymus Kress von Kressenstein: »Fide sed cui vide« (Vertraue, aber achte darauf, wem du traust!). Gängiges Motto für das Poesiealbum, Bilanz eines wilden Semesters oder ahnungsvoller Blick in die Zukunft? »Der Friedländer« wird als einer der reichsten Männer Europas 34 Jahre später in Eger von kaisertreuen Offizieren gemeuchelt. Dr. Georg Nößler, 1618 als Professor nach Altdorf berufen, wurde im Sommer 1632 auf dem Weg von Nürnberg nach Altdorf am Dutzendteich von Kroaten gefangen genommen. Als Feldarzt tat er Dienst im kaiserlichen Heer. Die Universität war mit einem (lateinischen) Gesuch um Freilassung an Wallenstein erfolgreich, Nößler wurde von Wallenstein gar mit einer goldenen Kette beschenkt. Den Einmarsch in Altdorf im November 1631 und Februar 1632 führte nicht Wallenstein an, sondern unter anderen Tilly. Aus Rücksicht auf die Universität blieb die Stadt aber vor Plünderung und Brand verschont. Alle drei Jahre platzt die Kleinstadt während der Wallensteinfestspiele aus ihren Nähten. Die Theaterregisseure Oliver Karbus und Michael Abendroth inszenieren Franz Dittmars Volksschauspiel von 1894 und Schillers berühmtes dreiteiliges Schauspiel mit Altdorfer Laienschauspielern in der beeindruckenden Kulisse des Universitätshofes. Daneben schlüpfen hunderte Altdorfer Bürger in historische Gewänder und stellen in der Festspielsaison historisches Lagerleben oder das Treiben der Handwerker nach.
»Unter mancherlei Treiben« fiel den Studenten auch ein, »Komödie zu spielen. Theater und Dekorationen waren hergerichtet, die Rollen einstudiert«, so die Memoiren des Rieser Pfarrersohns Karl Lang (1782 in Altdorf immatrikuliert). Doch der Herr Rektor Magnificus, »ein himmellanger, griesgrämiger Mann«, ließ das »ganze Unternehmen« verbieten. »Ein jeder schwur die schrecklichste Rache, so dass ein Dritter hätte glauben müssen, die ganze Stadt werde noch diese Nacht in einen Steinhaufen verwandelt. Als wir aber heimkehrten, lief alles mit leerem Gebrüll auseinander.« Um Mitternacht aber begann Lang »vor der Schlafstätte seiner Magnifizenz« ein »fürchterliches Bombardement«, so dass alle Scheiben klirrend hernieder stürzten »und einige Steine sogar bis an die Bettstelle des armen Doktors gelangt sein sollen«. Als Randalierer wurde Lang später »oft bei meinen Büchern sitzend« vorsorglich verhaftet. In einem Falle ließ er dem Herrn Rektor mitteilen, »dass, wenn ich nicht diesen Abend noch entlassen würde, er mich desperaterweise an dem Fenster des Turmes hängend erblicken und dann auf seine Doktorsseele nehmen sollte.« Anderen Tags nahm er all seine »theatralische Kunst zusammen«, zog einer Puppe seine Kleider an und ließ sie zum Fenster heraushängen. Vor dem Gefängnisturm »Auflauf und Geschrei«, das Gefängnispersonal stürmt den Turm hoch und bricht, »als man mich verdoppelt sieht, in Lachen und Frohlocken aus.« Mit dem Ergebnis, dass »alle Fehde hatte von nun an ein Ende«. Aus dem Randalierer und Streithahn wurde der angesehene preußische und später bayerische Ministerialbeamte Karl Heinrich Ritter zu Lang.
1663 hat Gottfried Wilhelm Leibniz an der Universität Leipzig bereits den Bakkalaureus in Philosophie (»Disputatio metaphysica de principio individui«) und 1664 den Magister in der juristischen Wissenschaft (»Specimen difficultatis in jure«) erworben, als man ihm wegen des geringen Alters den Doktortitel verweigert (»De arte combinatoria«). An der Fakultät der Rechtswissenschaften in Altdorf erlangt er mit der Schrift »Disputatio de casibus perplexis in jure« (»Über verwickelte Rechtsfälle«) den Doktorgrad. Eine Berufung an die Altdorfina lehnt er ab, bleibt noch kurz in Nürnberg, um sich einer Sekte von Alchimisten anzuschließen. Wie vor dem 18. Jahrhundert üblich betreibt Leibniz die Wissenschaft als Analyse und Verknüpfung zwischen unterschiedlichsten Disziplinen. Das Leibniz-Forum Altdorf-Nürnberg fördert heute die Wissensgebiete, auf denen Leibniz einst tätig war. Im Vordergrund stehen Mathematik und Informatik, ihr Einfluss auf Geisteswissenschaft, Gesellschaftlich und Kultur. Das Forum verknüpft Forschung und Praxis mit Lehrerbildung und Anwendungsmöglichkeiten in der Schule. Mit dem Leibniz-Preis werden junge Wissenschaftler ausgezeichnet, die sich mit Informationstechnik, Neuen Medien und neuen Verbreitungsformen für Information und Wissen beschäftigen.
Der 16. Februar 1822 gab in Altdorf wohl auch zu Hoffnungen Anlass, dass die Universität neuerlich erstehen könne. Das Wartburgfest 1817 oder das Attentat gegen August von Kotzebue durch den Erlanger Studenten Karl Ludwig Sand im Jahre 1819 führte zu einer explosiven Stimmung auch unter den Erlanger Burschenschaften. Aus Protest zogen die Erlanger Studenten nach Auseinandersetzungen mit Handwerksburschen, die sich im Fasching zu wüsten Schlägereien zugespitzt hatten, nach Altdorf, um dort ein »fideles« Studentenleben zu führen. Bei ihren Kämpfen mit den Handwerksburschen waren sie durch Bürgermiliz, 150 Mann Infanterie und einer Schwadron Kavallerie, die für Recht und Ordnung sorgen sollten, nicht gerade unterstützt worden. Erzürnt wandten sich die 400 Studenten also von Erlangen nach Altdorf, wo sie durch die Bürgerschaft begeistert Aufnahme fanden. Doch bereits am 5. März kehrten die aufständischen Studenten in allen Ehren zurück, denn der Senat hatte ihre Forderungen zum Teil erfüllt. Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg kehrt heute noch einmal im Jahr nach Altdorf zurück, um am Ende des Sommersemesters ihre Diplomurkunden der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät feierlich in Altdorf zu übergeben und dabei auch einen akademischen Umzug durch die Stadt zu unternehmen.