Nürnberg, im 16. Jahrhundert führende Kunst-, Handels- und Wissenschaftsmetropole, eröffnete 1575 im Pflegamt Altdorf eine Schola nobilis für die Söhne der reichen Patrizierfamilien. Aus dem Gymnasium entwickelte sich eine Universität im Herzen Europas mit humanistischer universeller Lehre, die von Persönlichkeiten wie Gottfried Wilhelm Leibniz, Jakob Christoph Treu oder Johannes Praetorius geprägt wurde. Nach der Erhebung Bayerns zum Königreich wurde die Altdorfina im Jahr 1809 ohne Rechtsnachfolger geschlossen, die Möglichkeit einer Wiedereröffnung aber festgestellt. Nach fast 200 Jahren knüpft das Internationale Netzwerk für Universitäten-Altdorf e.G. wieder an den Geist dieser alten und ehrwürdigen Bildungseinrichtung im Herzen Europas an und verbindet sie mit einer Organisationsstruktur und den Lehrinhalten des 21. Jahrhunderts.
Wie viele andere Universitäten dieser Zeit ist auch die »Academia Altdorfina« aus einer höheren Schule hervorgegangen, die Vorgeschichte bis zur kaiserlichen Erhebung zur Universität dauerte bald ein Jahrhundert. Nach dem Scheitern des Gymnasiums St. Egidien (1526) aus Mangel an qualifizierten Lehrkräften wie auch befähigten Schülern schlug Joachim Camerarius, der Gründungsrektor der ersten evangelischen Oberschule in Deutschland, vor, es mit einem Gymnasium außerhalb der Reichsstadt zu versuchen. Die Wahl fiel auf Altdorf, denn die Bürgerschaft nehme gerne Studenten auf, außerdem eigne sich Silbergasse mit dem »Büttners Haus und dem Garten an der Stadtmauer« gut für ein »Collegium«. Seinen Status als Universitätsstadt verdankt Altdorf nicht zuletzt seiner Lage »abwegs von der Strasse«. Denn die Großstadt hatte vielfältige Zerstreuungen zu bieten, besonders für die jungen Herren aus gutem Hause. Deshalb wirkt Joachim Camerarius seinerzeit auf den Rat der Stadt ein, »... dass hierweniger occasion und Zufälle gegeben, dadurch die Jugend an der Lehr und Zucht verhindert möchte werden.«
1571 wird der Grundstein gelegt, 1575 die Adels- und Patrizierschule feierlich eingeweiht. Von der Straßburger Akademie wird Valentin Erythraeus als Rektor berufen. Der großzügige Gebäudekomplex und die Qualifikation der Lehrer nehmen mehr als ein Gymnasium vorweg. Rudolf II. erhebt im Jahre 1578 das Altdorfer Gymnasium schließlich zur Akademie. Die kaiserliche Urkunde (»von Gottes Gnaden und Gunst erwählter Römischer Kaiser, allzeit Mehrer des Reichs ...«) verkündet, dass »nach sorgfältigen Examen ... in Philosophie und den freien Wissenschaften« die Verleihung der »Titel eines Bakkalaureus oder eines Magisters« genehmigt sei. Die Erhebung zur Universität wird aber erst 50 Jahre später realisiert, denn Nürnberg als Freie Reichsstadt ist einer der Grundpfeiler des Protestantismus in Süddeutschland. Daneben ist der Nürnberger Rat aber auch dem deutschen Kaiser untertänig, der für die Gegenreformation steht. Der Einzug des Herrschers durch die Stadt zur Kaiserburg zählte zu den herausragenden Ereignissen der damaligen Zeit, Nürnberg profitierte von seinem Status als meist besuchter Stadt im Heiligen Römischen Reiche Deutscher Nation und spiegelte sich als Hüter des Reichsschatzes und der Reichskleinodien in kaiserlichem Glanze. 1622 unterzeichnet Kaiser Ferdinand II. endlich die Urkunde zur Erhebung der Akademie in den Stand einer Universität. Dafür muss man aus der evangelischen »Union« austreten, 25.000 Gulden an Reichssukkurs samt 900 Gulden an Kanzleigebühren erfüllen.
Die Altdorfina zählt mit ihrer Vorgeschichte zu einer der ältesten Universitäten in Deutschland. Zwar wird schon 1586 die Gliederung nach Schulklassen aufgehoben und die vier klassischen Fakultäten einer humanistischen Universität in Kraft gesetzt. Doch die Altdorfina stellt keine Volluniversität dar. Zwar ist sie seit 1622 den anderen Universitäten im Reich gleichgestellt, doch nur juristische, medizinische und philosophische Fakultät besitzen das Promotionsrecht. Aus politischen und damit konfessionellen Gründen bleibt dies der theologischen Fakultät zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges verwehrt. »Am meisten aber musste dem Rat an der Existenz einer theologischen Fakultät gelegen sein«, spielt der Erlanger Wissenschaftler Horst Claus Recktenwald auf die Machtverhältnisse an. Die Freie Reichsstadt Nürnberg als kleiner Territorialstaat war gezwungen, nach allen Seiten abwägend Stellung zu beziehen. Dieser vorsichtige Kurs sollte durch ein theologisches Kolloquium mit allgemeinen Ansehen unterstützt werden. Andererseits war das theologische Kolloquium sehr sorgfältig nach Gesichtspunkten der eigenen Herrschaft und damit der Religion ausgesucht. Die Lehrtätigkeit selbst unterstand ebenfalls einem strengen städtischen Regiment, bis zum Ende der Altodrfina unterlagen die Professoren aller Fakultäten zum Beispiel der Zensur.
Die Theologen lehrten Latein, Griechisch und Hebräisch, aus ihrem Kreis rekrutierte sich die Altdorfer Geistlichkeit. Das Ordinationsrecht für alle Pfarrer des Reichsstädtischen Territoriums garantierte zudem die Einheitlichkeit des Herrschaftsgebietes und machte Altdorf zu einem Zentrum des süddeutschen Protestantismus. Im Staate der »königlichen Kaufleute« bestand eine lange juristische Tradition, die patrizischen Söhne zogen zum Studium des Römischen Rechts über die Alpen, mit dem »Rat gelehrter Doktoren« bestand bereits im 15. Jahrhundert eine Kodifikation städtischen Rechts. Nürnberg konsultierte laufend juristische Ratgeber (»Hochedelgestrenge und Hochgelehrte«), 1529 ward eine Gesamtausgabe des Corpus juris civilis herausgebracht. Gelehrte ersten Ranges wie Thomas Freigius, Verfechter der deutschen Sprache und hervorragender Vertreter der französischen Rechtsschule, Hugo Doneau, Schöpfer der modernen Jurisprudenz, Johann Heumann von Teutschenbrunn, Verfasser des ersten deutschen Polizeirechts, die Niederländer Hubertus van Giffen und Peter Wesenbeck sorgten dafür, dass die juristische Fakultät »mit vielen anderen Universitäten certiren« konnte. Anders als die Landesuniversitäten lehrte man Reichsrecht, Gutachten waren weit über Nürnberg hinaus begehrt. Nach dem Dreißigjährigen Krieg konnte Gottfried Wilhelm Leibniz noch einmal die wissenschaftliche Bedeutung der Altdorfina unterstreichen. Botanischer Kräutergarten, anatomisches Theater oder chemische Laboratorien verliehen der medizinischen Fakultät einen außerordentlichen Ruf, »früher als anderswo pflegte man Forschung und Lehre« (Horst Claus Recktenwald). Johann Jacob Baier bringt die Kenntnis der Natur in die Medizin ein, Johann Moritz Hoffmann, späterer Präsident der kaiserlich-leopoldinischen Akademie der Naturforscher, die Chemie, Lorenz Heister gilt als Vorreiter auf dem Gebiete der Chirurgie. Johann Heinrich Schulze bereitete durch die Entdeckung der Lichtempfindlichkeit der Silbersalze der Fotografie ihren Weg. Ein Fachstudium an der Altdorfina bedingte das Grundstudium an der Artistenfakultät. Die philosophische Fakultät nahm sowohl Interdisziplinarität wie auch Studiumgenerale vorweg und sicherte der Altdorfina Gelehrte, die sich deutlich über dem Durchschnitt bewegten. Georg Andreas Will, Ordinarius und Rektor, war ein Vertreter der Aufklärung und Autor in Philosophie, Historischen Wissenschaften und Literatur. Der Mathematiker und Physiker Johann Christoph Sturm vollzieht den Wechsel zu den Lehren Galileis und Keplers, führt das Experiment ein, verbessert wissenschaftliche Geräte wie Luftpumpe, Camera Obscura oder Toricellische Röhre und skizziert das Differenzialthermometer.
Erst 1696 erhielt auch die Theologische Fakultät das Promotionsrecht. Die Aufklärung hatte die humanistisch-melanchthonische Universität, in der alle Wissenschaften der Theologie zugeordnet sind, bereits überholt. Die Markgrafen von Brandenburg-Bayreuth und andere fränkische Standesherrschaften schickten ihre angehenden Geistlichen nun nach Erlangen, die theologische Fakultäte Altdorf verlor zunehmend an Bedeutung. In den meisten Reichsstädten setzte durch den Dreißigjährigen Krieg ein Bedeutungsverlust ein. Hohe Schulden, Kriegsabgaben an Preußen und Franzosen sowie die Verarmung und Schrumpfung weiter Teile der Bevölkerung machten sich bemerkbar. Einschreibungen und finanzielle Mittel an der Altdorfina gingen rapide zurück, nur eine Sanierung oder die Verlegung nach Nürnberg hätten die Wende gebracht. Durch die napoleonischen Kriege, die Neugliederung Deutschlands und die neue Macht der Territorialstaaten wie etwa Bayerns fanden zwischen 1790 und 1815 »gut die Hälfte aller deutschen Universitäten ihr Ende«, so Horst Claus Recktenwald. Der neue bayerische König Max I. Joseph und sein Minister Maximilian von Montgelas lösen die Universität zu Altdorf wegen des „unzulänglichen Fundierungsvermögens« auf, um „dereinst, sobald die Zeitumstände es gestatten, mit einer anderen in Unserem Königreiche befindlichen Universität« vereinigt zu werden, die ein »vollständiges protestantisches theologisches Studium« ermöglicht. 1809 gehen Institution und bedeutende Bibliothek in der Erlanger Universität auf, die ehemals Freie Reichsstadt Nürnberg ist nicht mehr akademisch souverän. In Deutschland ist keine Universität aus Renaissance, Barock oder Aufklärung heute noch so gut erhalten wie die Altorfina. Bis 1924 findet in der Altdorfina das Lehrerseminar seine Heimat, seit einem dreiviertel Jahrhundert widmen sich im Wichernhaus die Rummelsberger Anstalten der Förderung junger Menschen mit Körperbehinderung. Nach über 200 Jahren greift das Internationale Netzwerk für Universitäten-Altdorf Historie und Tradition der Altdorfina wieder auf. Neben spezialisiertem, berufsbezogenem Wissen durch Lehre und Forschung setzt die Hochschule besonders auf die Vermittlung universeller Bildung, umfassender Sozialkompetenz sowie die Entwicklung von Persönlichkeit und Charakter.